E-Portfolios lohnen sich. Ganze 25 Punkte – und damit mehr als für alle anderen möglichen Leistungsnachweise – sind in unserem IKT-Seminar für das Erstellen und Präsentieren eines solches vorgesehen. Wer von uns PH-Studenten also mit Punkten rechnen kann, will und/oder muss, sollte sich tunlichst für das E-Portfolio entscheiden. Warum auch nicht? Schon unsere Praktika haben wir mit einem Portfolio (in Papier- oder Digitalform) zu dokumentieren. Wird uns für diese Portfolios Landwehrs 12seitiger Text „Das Portfolio – Ein Instrument zur individualisierten Steuerung und Beurteilung des Selbst-Studiums“ ans Herz gelegt, sollen wir uns im Rahmen des IKT-Seminars in das Thema „E-Portfolio, ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen“ einlesen. (So auf der ausgeteilten Übersicht der verschiedenen Leistungsnachweise zu finden.)

Ohne das (in einem IKT-Seminar natürlich an erster Stelle genannte) „E“ lautete so aber Thomas Häckers 2007 publizierte Habilitationsschrift, in welcher gleich auf der ersten Seite folgendes steht:

“ Angesichts der Zielstellung der Portfolioarbeit, die Selbststeuerung im Lernen zu fördern, ist zu fragen, ob bzw. in wie weit sie Teil eines neoliberalen Programmes in der Pädagogik ist, das unter der Etikette der Stärkung der Eigenverantwortung die Rückdelegation der Verantwortung für Erfolg und Misserfolg an die Lernenden betreibt.(Thomas Häcker, Portfolio, ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen, Schneider, Hohengehren 2007).

Was Häcker damit meint, legte er auch in einem im Januar 2009 an der Universität Hamburg gehaltenen Vortrag aufs deutlichste dar, der hier zu verfolgen ist. 

Zum einen hebt Häcker hervor, dass Portfolioarbeit sich meist die Selbststeuerung, nicht aber die noch von Klafki so hochgehaltene Selbstbestimmung auf die Fahnen schreibt. Eine einseitige Betonung der Selbststeuerung im Lernen – wenn sie zu Lasten der Möglichkeit der Selbstbestimmung geht – trägt aber seiner Meinung nach zu einem Verlust von Lernsinn bei. Damit verschärften sich aber gerade die motivationalen Probleme des institutionellen Lernens, zu deren Lösung das Portfiloarbeiten doch beitragen solle. 

Zum anderen geht er aber, in Anlehung an Ulrich Bröcklings 2007 publizierte Arbeit Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform (Frankfurt 2007), auf den immer lauter werdenden Vorwurf ein, dass es sich bei der Portfolioarbeit um ein Phänomen der „Ratio neoliberalen „Regierens““ handeln könnte.

Bereits Ludwig Pongratz führte 2004 aus:

Hinter dem autopoietischen, selbstorganisierten Lernsystem taucht ein Sozialtypus auf, dessen vorgebliche Autonomie auf vielfältigen verinnerlichten Disziplinarprozeduren aufruht. Sie erst machen ihn fähig zur Einhaltung selbstgesetzter Normen, zur Methodisierung des Umgangs mit sich selbst und zu planmäßigem Handeln, zur Selbsterforschung und zum selbstbewussten Umgang mit den eigenen Affekten. […] Unter dieser neuen Freiheit, die keine Freiheit ist, werden diejenigen begraben, die abgehängt werden von dem bürgerlichen Ethos, eigene Absichten zu verfolgen, statt fremde auszuführen, diejenigen, die nicht oder nicht jetzt das Bedürfnis nach Selbststeuerung in sich entdecken, die es nicht hinbekommen, geforderte Motivationsleistungen zu erbringen, die aus dem Zirkel von Abgrenzung, Abhängigkeit und Lernverweigerung nicht herausfinden, die sich passiv verhalten oder einfach mit Orientierungslosigkeit reagieren. Vermutlich werden diejenigen, die mit geringerem ,kulturellem Kapital’ ausgestattet sind, dieser Selektion am ehesten zum Opfer fallen. Im Windschatten der neoliberalen Rhetorik von Selbstorganisation und Selbstentfaltung wartet eine immer rücksichtslosere Zweiteilung der Gesellschaft.“ (Ludwig Pongratz, Konstruktivistische Pädagogik als Zauberkunststück: Vom Verschwinden und Wiederauftauchen des Allgemeinen, in: ders. u.a., Kritik der Pädagogik, Pädagogik  als Kritik, Opladen 2004, S. 108 – 133, Zitat auf S. 130.) 

Nicht zuletzt angesichts der auch an der PH ständig an uns herangetragenen Aufforderung zur offengelegten Selbstreflexion und -darstellung, des Kreativitätsappels, der weniger vom (selbst historisch verortbaren) Gedanken der „Originalität“ oder gar der „Genialität“, sondern vielmehr von dem des optimierbaren Durchschnitts der selbstgesteuerten  Individual-Abweichung getragen wird, läßt sich mit Stephan Münte-Goussar festhalten: „Herrschaft verschwindet im Postulat der Selbstbeherrschung.“ (Münte-Goussar 2008, S. 53.)

 Gerade bei der wohlgemerkt selbst zu treffenden Entscheidung, ob ich nun als IKT-Leistungsnachweis das E-Portfolio wähle oder nicht, spüre ich freilich selbst die Wirkmacht des unternehmerischen Kalküls meiner selbst.   

 

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