Vom Netz zur Wolke

April 27, 2010

In seinem Aufsatz Ein absoluter Begriff: Zur Genealogie und Karriere des Netzwerkbegriffs   geht der Medien- und Kulturwissenschafter Erhard Schüttpelz der historischen makrotechnologischen, mikrosoziologischen und theoretischen Verflechtung des Netzwerkbegriffes nach und zeigt auf, wie er, vom Objekt- in einen Subjektstatus erhoben, zu einem der wirkmächtigsten „absoluten Begriffe“ unserer Zeit wurde, der gleichermaßen Gesellschafts- und Welttheorie (z.B. Akteur-Network-Theorie) wie auch alltägliche An- und Aussprüche („ich bin im Netz“) in größter Absolutheit zum Anschrieb bringt. 

Dabei hebt Schüttpelz hervor, dass der Sieg des absoluten Begriffs „Netzwerk“ einhergeht mit einer zunehmenden Blindheit seiner eigenen (brisanten) Herkunft gegenüber:

Die betreffende Blindheit läßt sich insbesondere in der Vorstellung vom All des Alles zusammenfassen: „alles ist mit allem vernetzt“. Der Punkt aller Netzwerkforschungen des 20. Jahrhunderts bestand darin, dass niemals „alles mit allem“ vernetzt war, dass es ausschließlich um um Beziehungen der Hierarchie und der Exklusivität ging (…). Nicht das Netz selbst, aber eine bestimmte Vorstellung vom Netz – in den drei dominanten Gebrauchsweisen: topologisches Netz, Mythos vom Internet, institutionalisiertes „networking“ – scheint den früheren Fokus aller Netzwerkforschungen: Hierarchie und Exklusivität zu überblenden – als ginge es im „Netzwerk“ nur noch um eine prinzipiell unbegrenzte und möglichst symmetrische Kraft der Integration. (Schüttpelz 2007, S. 17)

Dass der Begriff des „Netzwerks“ diese zeitweilige Über-/Blendung aber dennoch überstehen wird, liegt nach Schüttpelz gerade in dem, woraus er sich speist: aus seiner Metapher. Die Wahrheit über das Netzwerk bleibe nämlich das Artefakt „Netz“ und dessen Geschichte, wozu Schüttpelz ausführt:                                            

  1. Netze  sind keine menschlichen Erfindungen (Menschliche Netze bleiben Artefakte, die vermutlich zuerst tierischen Netzen abgeschaut wurden).
  2. Ein Netz ist eine Form der Falle, genauer: eine Serie von Kulturtechniken, aus den Techniken des Fallenstellens.
  3. Der Ausgang des Wortes, seiner Metapher und seines Begriffs bleibt „Beutemachen“ einerseits, und „Macht“ über das, was sich im Netz verfangen soll, andererseits.  
  4. Alle menschlichen und soziotechnischen Netze und ihre Praktiker bleiben auf „Beutezug“ (auch und gerade „im Netz“).
  5. (…)
  6. Eine Netzwerktheorie ist meist ein Netz, das andere Netze fangen soll – oder die Beute anderer Netze dazu. Netzwerktheoretiker sind Fallensteller von Fallensteller. (….) (ebenda).

Folgt man aber dieser von Schüttpelz für den Begriff des Netzswerkes  aufgemachten Logik, drängen sich einem eine Vielzahl von Fragen an einen weiteren, zunehmend wirkmächtigen Begriff auf, der womöglich denjenigen des Netzes eines Tages ersetzen wird: Denjenigen der „Wolke“ nämlich. 

Denn so, wie Schüttpelz 2007 davon ausging, dass zukünftige Erforscher der Zeit von 1990 bis 2010 feststellen werden, dass wir vom Begriff des „Netzwerks“ besessen waren, scheint nun die Zeit der Wolke gekommen zu sein, jenes ebenfalls nicht genuin menschlichen Unschärfephänomens, in dem wir uns neuerdings aufhalten, wenn wir ‚in der Wolke‘  schreiben,  Bücher lesen und vor allem: „rechnen“:  

Im Gegensatz zum Grid-Computing, das schon seiner eigenen Methapher nach dem „Netz“ und „Gitter“ verpflichtet bleibt, geht es nach Wikipedia beim Cloud-Copmputing   gerade nicht um die steuerungslose gemeinschaftliche Nutzung gemeinsamer Ressourcen, sondern darum, die Dienstleistung eines zentralen Anbieters on demand ‚im Netz‘ zu nutzen. Die Anwendungen und Daten befinden sich dabei nicht mehr auf dem haus- oder firmeneigenen Rechner, sondern in der metaphorischen „Wolke“ des Internets. 

So wie der Sieg des absoluten Begriffs des „Netzwerks“ aber nach Schüttpelz zu einer Blindheit und Überblendung seines eigenen Ursprungs führte, verleugnet der Begriff der „Wolke“ in diesem Fall seine eigene Herkunft des steuerungslosen und eben nicht zentralen Unschärfephänomens. Nicht zuletzt im Zuge der diversen Schwarmtheorien (s. hierfür z.B. den von Eva Horn und Lucas Gisi herausgegebenen Sammelband Schwärme) wurde die Wolke aber gerade für avancierte Kollektiv- und Steuerungsforschung  immer interessanter. 

Konfrontiert uns die Wolke auf der einen Seite mit den Darstellungsschwierigkeiten der Unschärfe, wird auf der anderen Seite im Cloud Computing – und damit gerade im Modus der Dienstleistung – Identität (der Anbieter, Inhalte, aber gegebenenfalls auch der Nutzer) neu ge- und erfaßt – und zwar gerade im Zug einer (ausgelagerten)Zentralisierung. 

Über den Konnex von „Identität“ als Prozess und dem Phänomen der „Wolken“ machte der Medien- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl aber folgende Stellungnahme:  

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