„learning 2.0“?

März 21, 2010

Dass die Gutenberg-Galaxie untergegangen sein soll, hat sich auch zu mir herumgesprochen. Ich habe vor Jahren das erste Mal davon gelesen. In einem Buch.

Das Buch ist schon ziemlich zerfleddert und steht in meinem Bücherregal, nur zwei Schritte von meinem Schreibtisch entfernt. Dass der schon alt, verschrammt und voller Wasserglas- und Kaffeebecherränder ist, kann man vor lauter Papier- und Bücherbergen im Moment nicht so richtig erkennen. Unordnung hat  eben bisweilen auch einen ästhetischen Mehrwert. Und, ja: Natürlich habe ich auch einen Computer, an dem sitze ich gerade und schreibe, inmitten der Papierlandschaften, die sich um ihn türmen. Gemeinsam bilden sie meine ganz private Personal Learning Environment (PLE), deren System-Umwelt-Schittstellen keineswegs fix sind.

Überhaupt scheint die Stunde der PLEs gekommen zu sein: Nachdem die Gutenberg-Ära schon vor Jahrzehnten totgesagt wurde, wird nämlich jetzt das Zeitalter der modifizierten PLEs – und zwar als „Post-LMS-Era“ – ausgerufen. So jedenfalls Jon Mott in seinem gleichnamigen Artikel.

Und dabei habe ich als IKT-Novizin doch geglaubt, mit Moodle und Konsorten auf dem neusten Stand der bright new world des Lernens zu sein. Was den LMS, also den Learning Management Systems als web-basierten Lernplattformen, zum Nachteil gereichen soll, erinnert dabei frappierend an die postulierte typographische Misere und ihren Umgang mit dem Lernen:

The LMS serves as an affirming technology of traditional teaching. The instructor doesn’t challenge the LMS very much, and in turn, the LMS doesn’t challenge the instructor. The student gets the convenience benefit from electronic distribution of documents (and grades) but little more

(Lanny Arvan, „Dis-Integrating the LMS“, EDUCAUSE Quarterly, vol. 32, no. 2 (April-June 2009)

– Also doch bloss alter Wein in digitalisierten neuen Schläuchen? Mott konkretisiert:

  • First, LMSs are generally organized around discrete, arbitrary units of time — academic semesters. Courses typically expire and simply vanish every 15 weeks or so, thereby disrupting the continuity and flow of the learning process.
  • Second, LMSs are teacher-centric. Teachers create courses, upload content, initiate threaded discussions, and form groups. Opportunities for student-initiated learning activities in the traditional LMS are severely limited.
  • Finally, courses developed and delivered via the LMS are walled gardens, limited to those officially enrolled in them. This limitation impairs content sharing across courses, conversations between students within and across degree programs, and all of the dynamic learning affordances of the read-write web.
  • (Mott and Wiley, „Open for Learning“)

     Abhilfe soll nach Mott jedenfalls eine Weiterentwicklung der PLEs schaffen. Denn das neue „Open Learning Network“ soll Folgendes gleichzeitig sein:

    • Secure and open
    • Integrated and modular
    • Private and public
    • Reliable and flexible

    Selten liest sich die Poesie des Oxymorons so schön. Eine Darstellung des OLN sieht in Motts Vision so aus:

    Sobald man Schüler und SchülerInnen dann in dieses Open Learning Network hineinstellt, soll aber nichts anderes als das „learning 2.0“ herauskommen.  Das ist natürlich total kreativ. Effektiv sowieso. Und über ein „Reporting Interface“ auch richtig gut zu evaluieren. Für mein IKT-PLE werde ich auch jetzt schon den einen oder anderen Punkt kriegen. Oder eben nicht.

    Für meine andere Personal Learning Environment – Sie wissen schon, die mit der Unordnung – interessiert sich zum Glück niemand. Da macht’s auch nichts, wenn der eine oder andere Kaffeefleck noch dazu kommt. Überhaupt kann ich im Moment hier niemanden gebrauchen: Ich hab noch ’ne Menge zu lernen.