Nr. 15: der letzte Eintrag zum Schein. Oder: … das sind schon zwei.

Juni 10, 2010

Schon Christoph aus unserem IKT-Kurs hat in seinem letzten Blogeintrag  eine Art Résumé gezogen und ist darauf eingegangen, was er gelernt und was ihm Spaß gemacht hat. Darüber hinaus ging er aber auch auf den Umstand der seltsamen Adressierung und der Leserschaft überhaupt ein. Er schrieb:

Die Blogstatistik, abrufbar im Dashboard, zeigt dass meine Ergüsse nie mehr als 8 Mal pro Tag aufgerufen wurden. Tage- ja wochenweise hat sich niemand auf meine Seite verirrt. Durchschnittlich waren es 3 Aufrufe pro Tag, 18 am besten, zeigt die Statistik. Weiter gibt sie preis, dass bisher keine Besucher von Suchmaschinen kamen und keine Klicks auf meinen Blog aufgezeichnet wurden. Ernüchternd!

Abgesehen davon, dass ich mich anlässlich der verschiedenen Blogeinträge mit Texten und Themen auseinandersetzte, die mich ziemlich interessierten, und ich darum immer viel länger lesend als schreibend am Schreibtisch saß, habe ich mich selbst öfters gefragt, wer meine eigenen ins Netz gestellten Texte denn lesen sollte. Und auch: warum denn. – Fragen, die ich mir in einem anderen Leben, das einem anderen Schreiben verpflichtet ist,  in dieser Art nicht stelle, auch wenn ich mir selbstredend Leserschaft wünsche und sehr konkret auf sie angewiesen bin.  

„Wenn ein Mensch etwas zu sagen hat“, schrieb Ossip Mandelstam in seinem Essay Über den Gesprächspartner, „geht er gewöhnlich zu anderen Menschen und sucht Zuhörer. Der Dichter aber macht es umgekehrt (…).“  Und er fährt, mit Blick auf Puschkins „Streit mit dem Pöbel“, fort: 

Die konkreten Menschen, die „Spießbürger der Poesie“, die den Pöbel darstellen, erlauben dem Dichter, ihnen „kräftig Lektionen zu erteilen“ und sind überhaupt bereit, sich alles anzuhören, wenn nur auf dem Päckchen des Dichters die genaue Adresse steht: „An den und den Pöbel.“ So fühlen sich Kinder und einfache Leute geschmeichelt, wenn sie auf einem Briefumschlag ihren Namen lesen. Es hat ganze Epochen gegeben, wo man dieser ganz und gar nicht harmlosen Forderung den Reiz und das Wesen der Poesie zum Opfer brachte. So etwa in der pseudo-staatsbürgerlichen Poesie und faden Lyrik der achtziger Jahre. An sich ist eine staatsbürgerliche Tendenz ganz gut:

Und magst Du auch kein Dichter sein,
Bürger zu sein, ist deine Pflicht –

ein ausgezeichneter Vers (…). Doch setzt man an dessen Stelle einen durch und durch im voraus bekannten russischen Spießbürger irgendeines Jahrzehnts, wird einem die Sache sofort langweilig.“

Nun sind Blogger nicht per se Dichter und noch dazu Bürger einer besonderen (nämlich: Netz-) Community, die sich nicht durch Rechte und Pflichte, sondern allererst durch den gemeinsam Gebrauch konstituiert. Aber die Frage, ob beim Bloggen die Adressierung fehlt oder ob sie vielmehr absolut ist („an den und den und an den und den und an den und den“), stellt sich ebenso wie diejenige, ob das Schreiben im Netz die „kollossale Distanz“ zwischen dem Schreiber und dem „mehr oder minder fernen, unbekannten Adressaten“, allererst ermöglicht oder vielmehr phantasmatisch negiert.

Gerade der Blogstatistik mit ihrer verführend-verzerrenden Spiegelfunktion ließe sich freilich mit Günter Eich eine andere Art des Zählens von Lesern gegenüberstellen: 

Zuversicht  
In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim,
das sind schon zwei.  

 Günther Eich (1966)

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Eine Antwort to “Nr. 15: der letzte Eintrag zum Schein. Oder: … das sind schon zwei.”


  1. Liebe Bo4bo
    Genau diese Frage habe ich mir auch schon gestellt: „Wer soll meinen Blog denn lesen, für wen schreibe ich eigentlich?“ Um ehrlich zu sein, ich schreibe, weil ich muss und nur darum. Mein Mitteilungsbedürfnis ist einfach zu klein, als dass ich freiwillig einen Blog in den Äther setzen würde.

    Auch das Lesen von Blogs überzeugt mich – mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen – nicht wirklich. Viel lieber würde ich eine Fachzeitschrift oder ein Buch zum gewünschten Thema lesen. Ich denke, die gewonnenen Informationen wären konziser, konzentrierter, nachverfolgbar, objektiver, kurz von besserer Qualität. Dazu kommt, dass ich beim Lesen am Computer schneller ermüde als bei einer Buchlektüre, ich kann die Stellen nicht markern, die mir wichtig erscheinen und schnell nachschlagen oder nur schon wieder auffinden, na ja! Ich denke nicht, dass ich je zu den eingefleischten Bloggern gehören werde. Viel lieber veröffentliche ich Unterrichtsmaterial im kleinen bekannten Lehrerkollegium. Das Feedback ist persönlicher, der Nutzen sichtbarer. Was denkst du?


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