Exorzismus und Beschwörung der Präsenz. Von erscheinenden Absenzen und anderen Gespenstern

Juni 6, 2010

Wenn man  Rolf Arnold, Direktor des Distance and International Study Center an der TU Kaiserslautern, und seinem FAZ-Artikel Das Ende der Präsenzuniversität  Glauben schenken mag, wird sich allererst mit dem sogenannten E-Learning die Humboldt’sche Formel für die Universität verwirklichen lassen: „Einsamkeit und Freiheit“ funktionieren seiner Meinung nach jedenfalls online viel besser als im Präsenzunterricht. Abgesehen davon, dass zumindest ich das mit der Einsamkeit auch schon in überquellenden Hörsälen hingekriegt habe und allein mit der Bewegungsfreiheit so meine Probleme hatte, lohnt sich aber die Lektüre seines Artikels schon der kunstvollen Struktur seiner Argumentation wegen.  

Denn diese läuft über ein verdoppelndes Überkreuzführen der (nicht gerade traditionslosen) Oppositionspaare von Prä- und Absenz auf der einen Seite und Physis und Psyche auf der anderen Seite: Der universitären Lehre, die seit Bologna noch rigider als zuvor auf der physischen Präsenz der Studenten besteht, bescheinigt Arnold eine psychisch-kognitive Absenz als Ergebnis: nämlich das Vergessen bzw. Gar-nicht-erst-Aufnehmen der vorgetragenen Wissensinhalte. Dem gegenüber bringt er das computer- und webgestützte Selbststudium in Position. Denn wo der Präsenzunterricht nur die Anwesenheit der Physis sicherstellen kann, soll das E-learning – und zwar gerade bei körperlicher Abwesendheit – die psychisch-kognitive Präsenz des Selbst-Gelernten zur Erscheinung bringen.   

Während andere im Hörsaal unter der eigenen Präsenz und derjenigen des Dozenten leiden, warum nicht im Grünen online sein

… oder vielleicht gleich ganz im Bett bleiben, um sich präsentes Lernen und Wissen einfach am Bildschirm zu erträumen.

Relevant ist Arnolds Artikel für diesen IKT-Lern-Blog in zweierlei Hinsicht: Zum einen, da sich die schulische Sekundarstufe II auch und gerade als Zulieferinstitution der Universitäten versteht und man nach der einschlägigen EU-Reiseroute die Ruinen von Pisa möglichst schnell hinter sich zu lassen hat, um direkt das neu errichtete Bologna anzusteuern. Zum anderen aber deshalb, weil auch die schuldidaktischen Beschwörungen des E-Learning gern damit anheben, dass sie den herkömmlichen Lernszenarien die Absenzdiagnose eines Wissensgewinns ausstellen. So hebt auch nicht nur der Hochschuldidaktiker Arnold die Fahne des Selbstlernens hoch, gegen das freilich schon insofern nichts einzuwenden ist, als dass das Fremdlernen höchstens in Abschreibesituationen kurfristige Erfolge zeitigen mag. Ansonsten gehört es als Begriff aber einfach ins überquellende ‚Selbst‘-Vokabular eines neuen gouvermentalen Unternehmertums des Selbst (S. Bröckling 2007 und meinen früheren Blogeintrag zum Portfolio).   

Doch ob es sich nun um das Präsenz- oder E-Lernen handelt – beiden ist etwas Gemeinsames zueigen: der versuchte Exorzismus der psychischen Absenz (denn auch der althergebrachte Anwesenheitsunterricht versucht ja, in einer Art physischen Parallelaktion eben diese zu bannen). Das Abschweifen von Blick und Gedanken und der Abzug emotionaler und intellektueller Aufmerksamkeit  sind seit jeher die Schreckgespenster jedweder Didaktik. Und gehören gleichwohl zum schulischen Alltag, so kränkend und frustrierend dies für Lehrpersonen auch sein mag.  

Vor diesem Hintergrund hat E-Learning tatsächlich nicht nur den Vorteil, Studenten von der störenden Präsenz der Lehrenden zu befreien, sondern erspart letzteren auch den Anblick dieses heimlich-unheimlichen Spuks: des leibhaftigen Erscheinens der Abwesenheit. Ob ein Unterricht genügend gut sein kann, zeigt sich aber womöglich weniger in ihrem (Nicht-)Erscheinen, als vielmehr im Umgang mit ihr. Denn egal, ob in einem vollbesetzten Hörsaal oder einem Klassenzimmer – gerade der Umstand, ihr Zeuge zu werden, konfrontiert einen mit der Humboldt’schen Einsamkeit und Freiheit: freilich vor allem mit der eigenen Einsamkeit und der Freiheit des Gegenübers

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Eine Antwort to “Exorzismus und Beschwörung der Präsenz. Von erscheinenden Absenzen und anderen Gespenstern”


  1. Liebe Bo4Bo

    Habe mich gefreut über deinen Kommentar auf meinem Blog und bin aufgrund dessen neugirig in deinen Blog eingestiegen. Habe mich gefragt, woran es liegen könnte, dass deine Einträge niemand kommentiert. Aufgefallen ist mir, dass diese recht lang sind und recht anspruchsvoll verfasst. Könnte mir vorstellen, dass Besucher gar nicht so viel lesen möchten. Wenn ich deine Einträge aber nur quer lese, verstehe ich wenig, weil wie gesagt, du schreibst auf hohem Niveau.

    Nun aber zu deiner Gegenüberstellung von Prä- und Absenz. Kann die Meinung teilen, dass die physische Präsenz die psychische nicht garantiert. Umgekehrt ist es einfacher absent zu sein, wenn man physisch nicht präsent ist. Immerhin kann man bei physischer Präsenz angesprochen werden und muss sich allenfalls für die ausgestrahlte Absenz rechtfertigen. Bei physischer Absenz ist es einfach, sich jeder Konfrontation wegen psychischer Absenz zu entziehen. Ich als Lehrperson bevorzuge es, meiner Klientel zu begegnen, auch wenn sie mir nicht immer an den Lippen hängen.


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