Schon Christoph aus unserem IKT-Kurs hat in seinem letzten Blogeintrag  eine Art Résumé gezogen und ist darauf eingegangen, was er gelernt und was ihm Spaß gemacht hat. Darüber hinaus ging er aber auch auf den Umstand der seltsamen Adressierung und der Leserschaft überhaupt ein. Er schrieb:

Die Blogstatistik, abrufbar im Dashboard, zeigt dass meine Ergüsse nie mehr als 8 Mal pro Tag aufgerufen wurden. Tage- ja wochenweise hat sich niemand auf meine Seite verirrt. Durchschnittlich waren es 3 Aufrufe pro Tag, 18 am besten, zeigt die Statistik. Weiter gibt sie preis, dass bisher keine Besucher von Suchmaschinen kamen und keine Klicks auf meinen Blog aufgezeichnet wurden. Ernüchternd!

Abgesehen davon, dass ich mich anlässlich der verschiedenen Blogeinträge mit Texten und Themen auseinandersetzte, die mich ziemlich interessierten, und ich darum immer viel länger lesend als schreibend am Schreibtisch saß, habe ich mich selbst öfters gefragt, wer meine eigenen ins Netz gestellten Texte denn lesen sollte. Und auch: warum denn. – Fragen, die ich mir in einem anderen Leben, das einem anderen Schreiben verpflichtet ist,  in dieser Art nicht stelle, auch wenn ich mir selbstredend Leserschaft wünsche und sehr konkret auf sie angewiesen bin.  

„Wenn ein Mensch etwas zu sagen hat“, schrieb Ossip Mandelstam in seinem Essay Über den Gesprächspartner, „geht er gewöhnlich zu anderen Menschen und sucht Zuhörer. Der Dichter aber macht es umgekehrt (…).“  Und er fährt, mit Blick auf Puschkins „Streit mit dem Pöbel“, fort: 

Die konkreten Menschen, die „Spießbürger der Poesie“, die den Pöbel darstellen, erlauben dem Dichter, ihnen „kräftig Lektionen zu erteilen“ und sind überhaupt bereit, sich alles anzuhören, wenn nur auf dem Päckchen des Dichters die genaue Adresse steht: „An den und den Pöbel.“ So fühlen sich Kinder und einfache Leute geschmeichelt, wenn sie auf einem Briefumschlag ihren Namen lesen. Es hat ganze Epochen gegeben, wo man dieser ganz und gar nicht harmlosen Forderung den Reiz und das Wesen der Poesie zum Opfer brachte. So etwa in der pseudo-staatsbürgerlichen Poesie und faden Lyrik der achtziger Jahre. An sich ist eine staatsbürgerliche Tendenz ganz gut:

Und magst Du auch kein Dichter sein,
Bürger zu sein, ist deine Pflicht –

ein ausgezeichneter Vers (…). Doch setzt man an dessen Stelle einen durch und durch im voraus bekannten russischen Spießbürger irgendeines Jahrzehnts, wird einem die Sache sofort langweilig.“

Nun sind Blogger nicht per se Dichter und noch dazu Bürger einer besonderen (nämlich: Netz-) Community, die sich nicht durch Rechte und Pflichte, sondern allererst durch den gemeinsam Gebrauch konstituiert. Aber die Frage, ob beim Bloggen die Adressierung fehlt oder ob sie vielmehr absolut ist („an den und den und an den und den und an den und den“), stellt sich ebenso wie diejenige, ob das Schreiben im Netz die „kollossale Distanz“ zwischen dem Schreiber und dem „mehr oder minder fernen, unbekannten Adressaten“, allererst ermöglicht oder vielmehr phantasmatisch negiert.

Gerade der Blogstatistik mit ihrer verführend-verzerrenden Spiegelfunktion ließe sich freilich mit Günter Eich eine andere Art des Zählens von Lesern gegenüberstellen: 

Zuversicht  
In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim,
das sind schon zwei.  

 Günther Eich (1966)

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Spätestens mit der Lektüre des Sammelbandes PowerPoint. Macht und Einfluss eines Präsentationsprogramms (Coy und Pias 2009) wird einem klar, dass sich mit einer Geschichte der verschiedenen Präsentationsmedien  und -methoden auch diejenige der Didaktik schreiben ließe:

Von der Lectio als Vorlesung des Geschriebenen über die um 1770 vom österreichischen Pädagogen Johann Ignaz Felbiger eingeführte Schultafel zum Einsatz des Episkops, der Diaprojektion und des Overhead- bzw. Hellraumprojektors bis hin zur heutigen PowerPoint-Präsentation änderten sich dabei nicht nur in technischer Hinsicht die Lehrmethoden, sondern auch und gerade deren didaktischen Prämissen und Zielsetzungen.

Welche Schlüsse sich angesichts der auch im Schulunterricht immer tragenderen Rolle der PowerPoint-Präsentationen ziehen lassen, ist aber zumindest umstritten. Denn während beispielsweise Edward Tufte in seinem berühmt-berüchtigten Wired-Artikel PowerPoint is Evil. Power Corrupts. PowerPoint Corrupts Absolutly den schematisch-hierarchischen „cognitive style“ von PowerPoint (und anderen vergleichbaren Programmen) anprangerte und in der Folge auch die deutschen Feuilletons (z.B. der Frankfurter Rundschau und der ZEIT) davon ausgingen, dass mit PowerPoint der „geistig-kulturelle Untergang nicht nur Deutschlands, sondern des gesamten Abendlandes“ implementiert werde (Joffe 2007), betonten Matthias Mertens und Claus Leggewie, dass man zum einen nicht den Boten für eine schlechte Nachricht verantwortlich machen könne und zum anderen gerade diejenigen Kritiker, die davon ausgingen, dass PowerPoint ein verdummendes Werkzeug sei, im Modus eines Technikdeterminismus den Nutzer zu einer „einer(r) willenlose(n) Maschine“ machen würden. Und Jörg Pflüger warf im oben genannten Sammelband gar die Frage auf, ob man angesichts der „Myriaden von täglich gehaltenen PowerPoint-Präsentation“ nicht vielmehr von der „größte(n) und egalitärste(n) Wiederbelebung der antiken Redesituation“ sprechen könne. 

Welches Grauen man jedenfalls mit PowerPoint verbreiten kann, ließe sich mit SchülerInnen mit folgendem Sketch von Don McMillan thematisieren, dessen Titel Life after Death by PowerPoint treffender nicht hätte gewählt werden können:

Auch die Frage, welche Inhalte sich überhaupt mit Bullets darstellen lassen, welche Rolle der Darstellung beim Präsentieren zukommt und wie deren Nachbereitung aussehen könnte, sollten neben technischen Aspekten im Schulunterricht zur Sprache kommen. Und nicht zuletzt könnte auch ein Hinweis auf ein subversiv-kreatives Umgehen mit PowerPoint gegeben werden, dessen Erfinder die Berliner Zentrale Intelligenz Agentur ist: nämlich PowerPoint-Karaoke, bei dem das Publikum zu ihm unbekannten PowerPoint-Präsentationen Stegreif-Vorträge zu halten hat.

Spätestens hier werden die inhaltlichen und formalen Grenzen dieser Präsentationsform sichtbar. Aber auch: Der Spaß am überschreitenden Spiel mit ihnen. Wie so eine Veranstaltung aussehen könnte, ist hier am Beispiel des Literatur-Cafés der PH Ludwigsburg ersichtlich:

Wenn man  Rolf Arnold, Direktor des Distance and International Study Center an der TU Kaiserslautern, und seinem FAZ-Artikel Das Ende der Präsenzuniversität  Glauben schenken mag, wird sich allererst mit dem sogenannten E-Learning die Humboldt’sche Formel für die Universität verwirklichen lassen: „Einsamkeit und Freiheit“ funktionieren seiner Meinung nach jedenfalls online viel besser als im Präsenzunterricht. Abgesehen davon, dass zumindest ich das mit der Einsamkeit auch schon in überquellenden Hörsälen hingekriegt habe und allein mit der Bewegungsfreiheit so meine Probleme hatte, lohnt sich aber die Lektüre seines Artikels schon der kunstvollen Struktur seiner Argumentation wegen.  

Denn diese läuft über ein verdoppelndes Überkreuzführen der (nicht gerade traditionslosen) Oppositionspaare von Prä- und Absenz auf der einen Seite und Physis und Psyche auf der anderen Seite: Der universitären Lehre, die seit Bologna noch rigider als zuvor auf der physischen Präsenz der Studenten besteht, bescheinigt Arnold eine psychisch-kognitive Absenz als Ergebnis: nämlich das Vergessen bzw. Gar-nicht-erst-Aufnehmen der vorgetragenen Wissensinhalte. Dem gegenüber bringt er das computer- und webgestützte Selbststudium in Position. Denn wo der Präsenzunterricht nur die Anwesenheit der Physis sicherstellen kann, soll das E-learning – und zwar gerade bei körperlicher Abwesendheit – die psychisch-kognitive Präsenz des Selbst-Gelernten zur Erscheinung bringen.   

Während andere im Hörsaal unter der eigenen Präsenz und derjenigen des Dozenten leiden, warum nicht im Grünen online sein

… oder vielleicht gleich ganz im Bett bleiben, um sich präsentes Lernen und Wissen einfach am Bildschirm zu erträumen.

Relevant ist Arnolds Artikel für diesen IKT-Lern-Blog in zweierlei Hinsicht: Zum einen, da sich die schulische Sekundarstufe II auch und gerade als Zulieferinstitution der Universitäten versteht und man nach der einschlägigen EU-Reiseroute die Ruinen von Pisa möglichst schnell hinter sich zu lassen hat, um direkt das neu errichtete Bologna anzusteuern. Zum anderen aber deshalb, weil auch die schuldidaktischen Beschwörungen des E-Learning gern damit anheben, dass sie den herkömmlichen Lernszenarien die Absenzdiagnose eines Wissensgewinns ausstellen. So hebt auch nicht nur der Hochschuldidaktiker Arnold die Fahne des Selbstlernens hoch, gegen das freilich schon insofern nichts einzuwenden ist, als dass das Fremdlernen höchstens in Abschreibesituationen kurfristige Erfolge zeitigen mag. Ansonsten gehört es als Begriff aber einfach ins überquellende ‚Selbst‘-Vokabular eines neuen gouvermentalen Unternehmertums des Selbst (S. Bröckling 2007 und meinen früheren Blogeintrag zum Portfolio).   

Doch ob es sich nun um das Präsenz- oder E-Lernen handelt – beiden ist etwas Gemeinsames zueigen: der versuchte Exorzismus der psychischen Absenz (denn auch der althergebrachte Anwesenheitsunterricht versucht ja, in einer Art physischen Parallelaktion eben diese zu bannen). Das Abschweifen von Blick und Gedanken und der Abzug emotionaler und intellektueller Aufmerksamkeit  sind seit jeher die Schreckgespenster jedweder Didaktik. Und gehören gleichwohl zum schulischen Alltag, so kränkend und frustrierend dies für Lehrpersonen auch sein mag.  

Vor diesem Hintergrund hat E-Learning tatsächlich nicht nur den Vorteil, Studenten von der störenden Präsenz der Lehrenden zu befreien, sondern erspart letzteren auch den Anblick dieses heimlich-unheimlichen Spuks: des leibhaftigen Erscheinens der Abwesenheit. Ob ein Unterricht genügend gut sein kann, zeigt sich aber womöglich weniger in ihrem (Nicht-)Erscheinen, als vielmehr im Umgang mit ihr. Denn egal, ob in einem vollbesetzten Hörsaal oder einem Klassenzimmer – gerade der Umstand, ihr Zeuge zu werden, konfrontiert einen mit der Humboldt’schen Einsamkeit und Freiheit: freilich vor allem mit der eigenen Einsamkeit und der Freiheit des Gegenübers