Allmählich ebbt die im Umfeld der re:publica 2010 entstandene Debatte über den Stellenwert des literarischen Schreibens und der Literatur im Netz ab. Auch ihre Halbwertszeit scheint gekommen, so wie auch die vor zwei Jahren im Bereich der Filmkritik geführte Online-/Printmedien-Diskussion irgendwann abflaute.

Über Tage war allerdings viel von Thomas Hettches in der FAZ veröffentlichtem Artikel, mit dem die Debatte ihren Anfang nahm, und Alban Nicolai Herbsts im Freitag publizierte Gegenstellungnahme zu lesen. Beide Texte wurden gerade in Blogs zitiert, kommentiert und mal zustimmend, mal ablehnend weiter-, aber auch neugeschrieben und -gefaßt

Dabei bestritt Hettche in seinem Artikel keineswegs per se die Möglichkeit literarischen Schreibens im Netz. -Zwei printmedien-gedruckte Beispiele dafür sind nicht zuletzt Hettches eigenes Buch Null oder der vom turmsegler-Blogger und Leinwand-Autor Benjamin Stein herausgegebene Band Literarische Weblogs. – Vielmehr hinterfragte Hettche  im Nachdenken über ‚das (Nicht-)Wesen‘ der Literatur dessen Bedeutung. (Wobei er freilich selbst nicht nur pointiert-polemische Fragen, sondern auch einige solcher Antworten parat hatte).

Gerade angesichts dieses meines selbstgewählten-Pflicht-Ikt-Lernblogs (s. meinen Artikel: Das Portfolio und mein unternehmisches Selbst), der in vorgegebenen Taktungen zu verfassen und zu publizieren ist,  würde ich aber tatsächlich gern nach der Möglichkeit des Nicht-Schreiben-Könnens im Netz fragen. 

Denn dass das Netz den einen als der postmoderne ubiquitäre Nicht-Ort des Schreibens erscheint, ist das eine. Das andere aber, welche Rolle denn das Nicht-Schreiben im (Selbst-)Verständnis des Web 2.0 inne hat, sollen doch in ihm aus den früheren Netz-‚Konsumenten‘ immer schon die ‚Prosumenten‘ geworden sein. (Zu diesem Begriff und seinem Hintergrund des Optimierungsversuchs der „herkömmlichen Wertschöpfungskette“ im „Übergang zur industriellen Massenproduktion“ s. Axel Bruns Artikel Vom Prosument zum Produtzer).  

Was das literarische Nicht-Schreiben-Können betrifft, führte der schweizerische Schriftsteller Peter Bichsel in seinem Abschiedsbrief anläßlich des viel zu frühen Todes der atemberaubend virtuosen Autorin Aglaja Verteranyi jedenfalls aus, dass das Schreiben gerade „mit dem Nicht-Schreiben-Können – auf der Suche nach dem Irgendetwas“ zu tun habe.

Ich würde jedenfalls auch als IKT-Studentin gerne mehr im Netz suchen und nicht-schreiben-können können. Und mehr Zeit haben für dieses Nicht-Schreiben, das auch offline weitersucht. Was gleichermaßen für das Lernen gilt. Auch das wird ja entgegen eines weitverbreiteten Missverständnisses nicht per se im Produzieren kreativ.     

 

Vom Netz zur Wolke

April 27, 2010

In seinem Aufsatz Ein absoluter Begriff: Zur Genealogie und Karriere des Netzwerkbegriffs   geht der Medien- und Kulturwissenschafter Erhard Schüttpelz der historischen makrotechnologischen, mikrosoziologischen und theoretischen Verflechtung des Netzwerkbegriffes nach und zeigt auf, wie er, vom Objekt- in einen Subjektstatus erhoben, zu einem der wirkmächtigsten „absoluten Begriffe“ unserer Zeit wurde, der gleichermaßen Gesellschafts- und Welttheorie (z.B. Akteur-Network-Theorie) wie auch alltägliche An- und Aussprüche („ich bin im Netz“) in größter Absolutheit zum Anschrieb bringt. 

Dabei hebt Schüttpelz hervor, dass der Sieg des absoluten Begriffs „Netzwerk“ einhergeht mit einer zunehmenden Blindheit seiner eigenen (brisanten) Herkunft gegenüber:

Die betreffende Blindheit läßt sich insbesondere in der Vorstellung vom All des Alles zusammenfassen: „alles ist mit allem vernetzt“. Der Punkt aller Netzwerkforschungen des 20. Jahrhunderts bestand darin, dass niemals „alles mit allem“ vernetzt war, dass es ausschließlich um um Beziehungen der Hierarchie und der Exklusivität ging (…). Nicht das Netz selbst, aber eine bestimmte Vorstellung vom Netz – in den drei dominanten Gebrauchsweisen: topologisches Netz, Mythos vom Internet, institutionalisiertes „networking“ – scheint den früheren Fokus aller Netzwerkforschungen: Hierarchie und Exklusivität zu überblenden – als ginge es im „Netzwerk“ nur noch um eine prinzipiell unbegrenzte und möglichst symmetrische Kraft der Integration. (Schüttpelz 2007, S. 17)

Dass der Begriff des „Netzwerks“ diese zeitweilige Über-/Blendung aber dennoch überstehen wird, liegt nach Schüttpelz gerade in dem, woraus er sich speist: aus seiner Metapher. Die Wahrheit über das Netzwerk bleibe nämlich das Artefakt „Netz“ und dessen Geschichte, wozu Schüttpelz ausführt:                                            

  1. Netze  sind keine menschlichen Erfindungen (Menschliche Netze bleiben Artefakte, die vermutlich zuerst tierischen Netzen abgeschaut wurden).
  2. Ein Netz ist eine Form der Falle, genauer: eine Serie von Kulturtechniken, aus den Techniken des Fallenstellens.
  3. Der Ausgang des Wortes, seiner Metapher und seines Begriffs bleibt „Beutemachen“ einerseits, und „Macht“ über das, was sich im Netz verfangen soll, andererseits.  
  4. Alle menschlichen und soziotechnischen Netze und ihre Praktiker bleiben auf „Beutezug“ (auch und gerade „im Netz“).
  5. (…)
  6. Eine Netzwerktheorie ist meist ein Netz, das andere Netze fangen soll – oder die Beute anderer Netze dazu. Netzwerktheoretiker sind Fallensteller von Fallensteller. (….) (ebenda).

Folgt man aber dieser von Schüttpelz für den Begriff des Netzswerkes  aufgemachten Logik, drängen sich einem eine Vielzahl von Fragen an einen weiteren, zunehmend wirkmächtigen Begriff auf, der womöglich denjenigen des Netzes eines Tages ersetzen wird: Denjenigen der „Wolke“ nämlich. 

Denn so, wie Schüttpelz 2007 davon ausging, dass zukünftige Erforscher der Zeit von 1990 bis 2010 feststellen werden, dass wir vom Begriff des „Netzwerks“ besessen waren, scheint nun die Zeit der Wolke gekommen zu sein, jenes ebenfalls nicht genuin menschlichen Unschärfephänomens, in dem wir uns neuerdings aufhalten, wenn wir ‚in der Wolke‘  schreiben,  Bücher lesen und vor allem: „rechnen“:  

Im Gegensatz zum Grid-Computing, das schon seiner eigenen Methapher nach dem „Netz“ und „Gitter“ verpflichtet bleibt, geht es nach Wikipedia beim Cloud-Copmputing   gerade nicht um die steuerungslose gemeinschaftliche Nutzung gemeinsamer Ressourcen, sondern darum, die Dienstleistung eines zentralen Anbieters on demand ‚im Netz‘ zu nutzen. Die Anwendungen und Daten befinden sich dabei nicht mehr auf dem haus- oder firmeneigenen Rechner, sondern in der metaphorischen „Wolke“ des Internets. 

So wie der Sieg des absoluten Begriffs des „Netzwerks“ aber nach Schüttpelz zu einer Blindheit und Überblendung seines eigenen Ursprungs führte, verleugnet der Begriff der „Wolke“ in diesem Fall seine eigene Herkunft des steuerungslosen und eben nicht zentralen Unschärfephänomens. Nicht zuletzt im Zuge der diversen Schwarmtheorien (s. hierfür z.B. den von Eva Horn und Lucas Gisi herausgegebenen Sammelband Schwärme) wurde die Wolke aber gerade für avancierte Kollektiv- und Steuerungsforschung  immer interessanter. 

Konfrontiert uns die Wolke auf der einen Seite mit den Darstellungsschwierigkeiten der Unschärfe, wird auf der anderen Seite im Cloud Computing – und damit gerade im Modus der Dienstleistung – Identität (der Anbieter, Inhalte, aber gegebenenfalls auch der Nutzer) neu ge- und erfaßt – und zwar gerade im Zug einer (ausgelagerten)Zentralisierung. 

Über den Konnex von „Identität“ als Prozess und dem Phänomen der „Wolken“ machte der Medien- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl aber folgende Stellungnahme:  

E-Portfolios lohnen sich. Ganze 25 Punkte – und damit mehr als für alle anderen möglichen Leistungsnachweise – sind in unserem IKT-Seminar für das Erstellen und Präsentieren eines solches vorgesehen. Wer von uns PH-Studenten also mit Punkten rechnen kann, will und/oder muss, sollte sich tunlichst für das E-Portfolio entscheiden. Warum auch nicht? Schon unsere Praktika haben wir mit einem Portfolio (in Papier- oder Digitalform) zu dokumentieren. Wird uns für diese Portfolios Landwehrs 12seitiger Text „Das Portfolio – Ein Instrument zur individualisierten Steuerung und Beurteilung des Selbst-Studiums“ ans Herz gelegt, sollen wir uns im Rahmen des IKT-Seminars in das Thema „E-Portfolio, ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen“ einlesen. (So auf der ausgeteilten Übersicht der verschiedenen Leistungsnachweise zu finden.)

Ohne das (in einem IKT-Seminar natürlich an erster Stelle genannte) „E“ lautete so aber Thomas Häckers 2007 publizierte Habilitationsschrift, in welcher gleich auf der ersten Seite folgendes steht:

“ Angesichts der Zielstellung der Portfolioarbeit, die Selbststeuerung im Lernen zu fördern, ist zu fragen, ob bzw. in wie weit sie Teil eines neoliberalen Programmes in der Pädagogik ist, das unter der Etikette der Stärkung der Eigenverantwortung die Rückdelegation der Verantwortung für Erfolg und Misserfolg an die Lernenden betreibt.(Thomas Häcker, Portfolio, ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen, Schneider, Hohengehren 2007).

Was Häcker damit meint, legte er auch in einem im Januar 2009 an der Universität Hamburg gehaltenen Vortrag aufs deutlichste dar, der hier zu verfolgen ist. 

Zum einen hebt Häcker hervor, dass Portfolioarbeit sich meist die Selbststeuerung, nicht aber die noch von Klafki so hochgehaltene Selbstbestimmung auf die Fahnen schreibt. Eine einseitige Betonung der Selbststeuerung im Lernen – wenn sie zu Lasten der Möglichkeit der Selbstbestimmung geht – trägt aber seiner Meinung nach zu einem Verlust von Lernsinn bei. Damit verschärften sich aber gerade die motivationalen Probleme des institutionellen Lernens, zu deren Lösung das Portfiloarbeiten doch beitragen solle. 

Zum anderen geht er aber, in Anlehung an Ulrich Bröcklings 2007 publizierte Arbeit Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform (Frankfurt 2007), auf den immer lauter werdenden Vorwurf ein, dass es sich bei der Portfolioarbeit um ein Phänomen der „Ratio neoliberalen „Regierens““ handeln könnte.

Bereits Ludwig Pongratz führte 2004 aus:

Hinter dem autopoietischen, selbstorganisierten Lernsystem taucht ein Sozialtypus auf, dessen vorgebliche Autonomie auf vielfältigen verinnerlichten Disziplinarprozeduren aufruht. Sie erst machen ihn fähig zur Einhaltung selbstgesetzter Normen, zur Methodisierung des Umgangs mit sich selbst und zu planmäßigem Handeln, zur Selbsterforschung und zum selbstbewussten Umgang mit den eigenen Affekten. […] Unter dieser neuen Freiheit, die keine Freiheit ist, werden diejenigen begraben, die abgehängt werden von dem bürgerlichen Ethos, eigene Absichten zu verfolgen, statt fremde auszuführen, diejenigen, die nicht oder nicht jetzt das Bedürfnis nach Selbststeuerung in sich entdecken, die es nicht hinbekommen, geforderte Motivationsleistungen zu erbringen, die aus dem Zirkel von Abgrenzung, Abhängigkeit und Lernverweigerung nicht herausfinden, die sich passiv verhalten oder einfach mit Orientierungslosigkeit reagieren. Vermutlich werden diejenigen, die mit geringerem ,kulturellem Kapital’ ausgestattet sind, dieser Selektion am ehesten zum Opfer fallen. Im Windschatten der neoliberalen Rhetorik von Selbstorganisation und Selbstentfaltung wartet eine immer rücksichtslosere Zweiteilung der Gesellschaft.“ (Ludwig Pongratz, Konstruktivistische Pädagogik als Zauberkunststück: Vom Verschwinden und Wiederauftauchen des Allgemeinen, in: ders. u.a., Kritik der Pädagogik, Pädagogik  als Kritik, Opladen 2004, S. 108 – 133, Zitat auf S. 130.) 

Nicht zuletzt angesichts der auch an der PH ständig an uns herangetragenen Aufforderung zur offengelegten Selbstreflexion und -darstellung, des Kreativitätsappels, der weniger vom (selbst historisch verortbaren) Gedanken der „Originalität“ oder gar der „Genialität“, sondern vielmehr von dem des optimierbaren Durchschnitts der selbstgesteuerten  Individual-Abweichung getragen wird, läßt sich mit Stephan Münte-Goussar festhalten: „Herrschaft verschwindet im Postulat der Selbstbeherrschung.“ (Münte-Goussar 2008, S. 53.)

 Gerade bei der wohlgemerkt selbst zu treffenden Entscheidung, ob ich nun als IKT-Leistungsnachweis das E-Portfolio wähle oder nicht, spüre ich freilich selbst die Wirkmacht des unternehmerischen Kalküls meiner selbst.