Toralernen webbasiert

März 31, 2010

Mein heutiger Blogeintrag hat leider (und zwar in mehrfacher Hinsicht) kaum etwas mit dem aktuellen Lernen in deutschen oder schweizerischen Schulen zu tun. Mit der Möglichkeit des webbasierten Lernens dagegen schon.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie wären mehr oder weniger säkulare Juden im süddeutschen Raum und hätten eine bald 12jährige Tochter, die also demnächst bat-mitzvah würde. 

Wegen der deutschen Politik der jüdischen Einheitsgemeinde (s. dazu Bomhoffs Artikel aus der Jüdischen Zeitung) ist es Ihnen aber nicht möglich, in der quasi-orthodoxen (im Grunde recht offenen) heimischen Gemeinde eine regelrechte Bat-Mitzvah-Zeremonie für Ihre Tochter zu arrangieren: Der Aufruf zur Tora-Lesung ist dort allein den Männern vorbehalten.

Kompromissangebote wie das eines reinen Frauengottesdienstes lehnt Ihre selbstbewusste Tochter kategorisch ab: Ganz oder gar nicht, ist ihre Devise.

Schliesslich entscheiden Sie sich, mit der Hilfe eines liberalen Rabbiners gleich in Israel selbst die Bat-Mitzvah-Zeremonie auszurichten. Aber wie lernt Ihre Tochter jetzt, aus der Tora nicht nur zu lesen, sondern sie richtig (gemäss den Teamim) zu singen? Einen Rabbi, auch einen orthodoxen, gibt es in Ihrer heimischen Gemeinde nicht, der Kantor (Vorbeter) kommt jede Woche aus einem angrenzenden Nachbarland angereist und hat aufgrund der Anfahrt nur selten Zeit, Unterricht zu erteilen – und Sie selbst können zwar Hebräisch lesen, beherrschen aber die Tora-Kantillation (s. oben, Teamim) nicht wirklich.

Und hier kommt das Web ins Spiel: World Ort , die non-profit Organisation für weltweites jüdisches Lernen (und Hilfsprojekte), bietet nämlich mit Navigating the Bible eine Seite an, auf der jeder (und zwar kostenlos) in hebräischer und englischer Schrift und mit Hörbeispielen für jede einzelne Zeile der Tora das Tora-Singen auch vom heimischen Computer aus erlernen kann. (Hier ein Beispiel für Numeri 10:10).

Glücklich, diese Seite gefunden zu haben, würden Sie sich um einiges entspannter so gelungene Bat-Mitzva-Videos wie dasjenige von Elena auf youtube ansehen:

Auch wenn Ihre Tochter mit recht grosser Wahrscheinlichkeit nicht immer den Ton treffen wird, wird sich die Zahl der getroffen Töne doch dank der Möglichkeit des webbasierten Teamim-Lernens drastisch erhöhen.

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Anfang letztes Jahres, als ich in einer der hiesigen jüdischen Gemeinden noch das eine odere Projekt betreute, war ich ein paar Mal in einer achten Klasse zu Gast, die sich vorgenommen hatte, das Musical Anatevka (nach  Schalom Ajechems Tewje, der Milchiger) aufzuführen.

Die Schülerinnen und Schüler hatten sich dieses Musical selbst ausgesucht, waren begeistert von seinem Witz und zunehmend erschüttert von seiner Thematik,  hatten sich aber bisher kaum mit jüdischen Themen auseinandersetzt. Während die Schülerinnen und Schüler sich mit ihrer Lehrerin theoretisch in jüdische Geschichte und Bräuche einarbeiteten, stand ich ihnen zum einen für Fragen zur Verfügung (und es kamen viele und ausgesprochen gute Fragen) und versuchte zum anderen, ihnen jüdisches Leben jenseits einer nachträglich colorierten Stettl-Romantik näherzubringen. – Nicht zuletzt dadurch, dass ich sie alle in die Synagoge zu einem Schabbatgottesdienst und -kiddusch einlud.

Was als Abschluss der gemeinsamen Arbeit gedacht war, entpuppte sich schnell als eigentlicher Neueinsatz: Ich besuchte ein weiteres Mal die Klasse, um die Vielzahl an Fragen, die erst jetzt aufgetaucht waren, weniger zu beantworten als vielmehr zu diskutieren. Gerade die Frage nach der Bedeutung der Tradition wurde erst jetzt von den Schülerinnen und Schülern als überaus komplexe und nach wie vor gegenwärtige erkannt. Für Tewje ist bekannterweise allein die Tradition die Antwort auf die Frage ist: „And how do we keep our balance?“ 

Gerade dieses Lied sangen die Schülerinnen und Schüler in ihrer späteren Aufführung mit grosser Kraft und beeindruckendem Können.  Und dies, nachdem sie erlebt hatten, dass gegenwärtiges jüdisches Leben in seinem vielfältigen (und keineswegs immer ungebrochenen!) Bezug zur Tradition kein vergangenes Museumsartefakt ist.

Ein geradezu quicklebendiges jüdisches Museum ganz in der Nähe, das Jüdische Museum Hohenems, könnte einem jetzigen Schulprojekt zum Thema Judentum die Facetten jüdischer Tradition neuerdings auch akustisch näherbringen: Denn begleitend zur Wanderausstellung Ganz rein! (bis Oktober dieses Jahres in Hohenems) über die Mikwe, das jüdische Ritualbad, ist jetzt Das Logo vom ersten Jüdischen Webradio: Radio Mikwe, das Radioprogramm zur Sonderausstellung im Jüdischen Museum Hohenemsmit Radio Mikwe das erste deutschsprachige jüdische Webradio auf Sendung. Ein Besuch in Hohenems lohnt sich immer. Als Vor- oder Nachbereitung eignet sich aber gerade das immer lohnenswerte Web-Radioprogramm, dessen verschiedene Features sich hervorragend in den unterrichtlichen Kontext einbinden lassen könnten.  

– Hören Sie also  GANZ REIN!

Radio Mikwe ist täglich von 9.00 bis 20.00 Uhr auf Sendung.

„learning 2.0“?

März 21, 2010

Dass die Gutenberg-Galaxie untergegangen sein soll, hat sich auch zu mir herumgesprochen. Ich habe vor Jahren das erste Mal davon gelesen. In einem Buch.

Das Buch ist schon ziemlich zerfleddert und steht in meinem Bücherregal, nur zwei Schritte von meinem Schreibtisch entfernt. Dass der schon alt, verschrammt und voller Wasserglas- und Kaffeebecherränder ist, kann man vor lauter Papier- und Bücherbergen im Moment nicht so richtig erkennen. Unordnung hat  eben bisweilen auch einen ästhetischen Mehrwert. Und, ja: Natürlich habe ich auch einen Computer, an dem sitze ich gerade und schreibe, inmitten der Papierlandschaften, die sich um ihn türmen. Gemeinsam bilden sie meine ganz private Personal Learning Environment (PLE), deren System-Umwelt-Schittstellen keineswegs fix sind.

Überhaupt scheint die Stunde der PLEs gekommen zu sein: Nachdem die Gutenberg-Ära schon vor Jahrzehnten totgesagt wurde, wird nämlich jetzt das Zeitalter der modifizierten PLEs – und zwar als „Post-LMS-Era“ – ausgerufen. So jedenfalls Jon Mott in seinem gleichnamigen Artikel.

Und dabei habe ich als IKT-Novizin doch geglaubt, mit Moodle und Konsorten auf dem neusten Stand der bright new world des Lernens zu sein. Was den LMS, also den Learning Management Systems als web-basierten Lernplattformen, zum Nachteil gereichen soll, erinnert dabei frappierend an die postulierte typographische Misere und ihren Umgang mit dem Lernen:

The LMS serves as an affirming technology of traditional teaching. The instructor doesn’t challenge the LMS very much, and in turn, the LMS doesn’t challenge the instructor. The student gets the convenience benefit from electronic distribution of documents (and grades) but little more

(Lanny Arvan, „Dis-Integrating the LMS“, EDUCAUSE Quarterly, vol. 32, no. 2 (April-June 2009)

– Also doch bloss alter Wein in digitalisierten neuen Schläuchen? Mott konkretisiert:

  • First, LMSs are generally organized around discrete, arbitrary units of time — academic semesters. Courses typically expire and simply vanish every 15 weeks or so, thereby disrupting the continuity and flow of the learning process.
  • Second, LMSs are teacher-centric. Teachers create courses, upload content, initiate threaded discussions, and form groups. Opportunities for student-initiated learning activities in the traditional LMS are severely limited.
  • Finally, courses developed and delivered via the LMS are walled gardens, limited to those officially enrolled in them. This limitation impairs content sharing across courses, conversations between students within and across degree programs, and all of the dynamic learning affordances of the read-write web.
  • (Mott and Wiley, „Open for Learning“)

     Abhilfe soll nach Mott jedenfalls eine Weiterentwicklung der PLEs schaffen. Denn das neue „Open Learning Network“ soll Folgendes gleichzeitig sein:

    • Secure and open
    • Integrated and modular
    • Private and public
    • Reliable and flexible

    Selten liest sich die Poesie des Oxymorons so schön. Eine Darstellung des OLN sieht in Motts Vision so aus:

    Sobald man Schüler und SchülerInnen dann in dieses Open Learning Network hineinstellt, soll aber nichts anderes als das „learning 2.0“ herauskommen.  Das ist natürlich total kreativ. Effektiv sowieso. Und über ein „Reporting Interface“ auch richtig gut zu evaluieren. Für mein IKT-PLE werde ich auch jetzt schon den einen oder anderen Punkt kriegen. Oder eben nicht.

    Für meine andere Personal Learning Environment – Sie wissen schon, die mit der Unordnung – interessiert sich zum Glück niemand. Da macht’s auch nichts, wenn der eine oder andere Kaffeefleck noch dazu kommt. Überhaupt kann ich im Moment hier niemanden gebrauchen: Ich hab noch ’ne Menge zu lernen.   

     

    Ich gebe es zu: Bisher habe ich eher über die Relevanz von neuen Medien – ihre Techniken, Strategien und Voraussetzungen – nachgedacht, als mich ihrer auch tatsächlich in vollem Umfang zu bedienen.  Das IKT-Seminar, das ich im Rahmen meiner Lehrerausbildung absolviere, zwingt mich nun freilich dazu, diese meine praktischen Versäumnisse  nachzuholen. Und so unsicher und unbedarft ich mich angesichts der verschiedenen „Lernjobs“ auch anstellen mag – zumindest in Ansätzen kann ich mir vorstellen, wie mein Deutsch-Unterricht durch das neu erworbene Wissen ein wenig besser könnte.  Eine der erst allmählich entstehenden Ideen möchte ich hier vorstellen (und sie gegebenenfalls später konkretisieren, erweitern bzw. verwerfen):

    Ich könnte mir, z.B. von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers ausgehend,  eine größere Einheit zum Thema „Geschicke der Literatur“ vorstellen, was sich direkt an Bernhard Siegerts  Habil relais. geschicke der literatur als epoche der post, Berlin 1993, anlehnt. (Hier klicken für eine: Zusammenfassung des Buches .) 

    Konkrete Texte, Literatur- und Mediengeschichte könnten mit SchülerInnen unter dem Aspekt der medialen Adressierung bearbeitet werden, wobei gerade die verschiedenen Arten dieser Adressierungstechniken auch angewandt werden könnten:

    • Briefe 
    • Telegramme
    • – Telephonie/Funk/Radio/Hörspiel, -buch (mehr dazu später)
    • – e-mails
    • – Blogs /Microblogs (mehr dazu später, wobei gerade die Frage der Adressierung hier neu gefasst werden muss)

     Der Umgang mit Literatur, das Wissen um ihre medialen, technischen und historischen Voraussetzungen, das Recherchieren, Kommunizieren, das kreative Gestalten und die Reflexion über die Voraussetzungen desselben könnten im Unterricht nicht nur thematisiert, sondern eingeübt werden.

    Wer schon jetzt per e-mail (oder sms) mit Werther mitleiden möchte, kann das übrigens hier 

    „Erstellen Sie auf http://wordpress.com einen eigenen Blog. Auf YouTube gibt es wiederum auch die Möglichkeit, Trainingsvideos (engl.) anzuschauen, wo erklärt wird, wie man einen neuen Blog erstellt:

     

    – So zu lesen im IKT-Handout Personal Learning Enviroment / PLE.

    Als brave IKT-Studentin machte ich mich natürlich sofort daran, mir dieses Lernvideo anzusehen.

    Das Pikante an diesem Video des ausgesprochen begeisterteten, singenden, pfeifenden und mit Superlativen um sich werfenden Bloggers Chris Abraham  ist allerdings, dass er im Laufe des immerhin 45:30 Minuten dauernden Filmchens nicht eben kleine Probleme bekommt, ein Video in seinen Blog hochzuladen. Die letzten Minuten dieses geradezu nervenaufreibenden Lernvideos verfolgt man also atemlos Abrahams immer hektischer werdenden Versuche, den Grund des Misslingens herauszufinden.  (Und wer die Ästhetik des Scheiterns nicht schon an sich zu würdigen weiss, wird immerhin insofern von Abraham besänftigt und milde gestimmt, als er uns darüber unterrichtet,  seine Zuschauer ja ‚for free‘ in die Kunst des Bloggens zu unterweisen.) 

    Warum es sich meiner Meinung nach trotz dieser Video-Hochlade-Problemchen lohnt, dieses Video in seiner vollen Länge anzusehen?

    Darum:

    • Weil man in enthusiastischem O-Ton eingehämmert bekommt, wie cool und funky der blog-stuff ist.
    •  Weil man ganz nebenbei erfährt, dass die Aufmachung und Positionierung seiner in die Wolke gestellten Mitteilung (so Meinungs-frei und inhaltsleer sie auch sein mag ???) schon mindestens die halbe Miete ist.
    • Weil man nicht nur darin unterwiesen wird, wie man einen supercoolen Blog mit allen multimedialen Rafinessen erstellt, sondern auch, wie man aus (vorerst?) unerfindlichen Gründen plötzlich darin zu scheitern droht.

    Angesichts der Tatsache, dass dieses Video ein Lernvideo ist – oder zumindest ein Lehrvideo  – , also mit Unterricht zu tun hat und sich in seiner Länge anstandslos in die noch immer gängige 45-Minuten Taktung desselben fügt, kommt man wohl nicht umhin, auch hier ein eindrückliches Beispiel für das Lernen aus Fehlern und die Unwägbarkeiten des Unterrichts zu sehen. – Auch wenn man selbst vielleicht nicht vorhat, ‚for free‘ als Lehrperson zu scheitern. Der eine oder andere Schüler, die eine oder andere Schülerin wird den zu erfüllenden Lernschritt ja trotzdem hinkriegen … Und sei es allein des Punktedrucks wegen.